[...] Die inzwischen 19-jährige Studentin saß noch bis spät in die Nacht an der Fertigstellung ihrer Universitätshausarbeit, als ihre Lider allmählich schwer wurden. Nur das glimpflich dimmende Licht der Schreibtischlampe erhellte das kleine schlicht eingerichtete Zimmer, das ihr Onkel ihr darbot, seit sie bei ihm lebte. Es hatte einen Kleiderschrank, einen Schreibtisch und immerhin ein richtiges Bett. Miyuki brauchte anfangs ein wenig Zeit, um sich von ihrem Futon umzugewöhnen, doch inzwischen liebte sie die weiche Federung, die ein Bett ihr bot, und fragte sich, wie sie die ganze Zeit nur auf einer Matte an der Erde schlafen konnte.

Miyuki kämpfte schon einige Stunden lang gegen die Müdigkeit an, als die Buchstaben auf ihrem Bildschirm allmählich ineinander zu verschwimmen drohten. Sie rieb sich die Augen, versuchte krampfhaft sich zu konzentrieren und starrte auf den Monitor. Doch immer wieder wurden die Zeichen darauf unscharf und die schwarzen Linien, schienen ineinander zu verwischen.

Sie gähnte müde und ihr Kopf fühlte sich mit einem Mal so unsagbar schwer an, dass sie ihn auf ihre verschränkten Arme legte und ein wenig vor sich hindöste. Miyuki sah sich das eingerahmte Hochzeitsfoto ihrer Eltern an, das seit jeher einen Platz auf ihrem Schreibtisch fand. Sie hätten sicher gewollt, dass sie das Wirtschaftsstudium dennoch durchzieht und wären ganz bestimmt stolz auf sie, versuchte ihr Onkel ihr immer wieder einzureden, um ihr Mut zu machen. Ein kurzes Lächeln glitt über ihren Mundwinkel. Vielleicht hatte er recht, genau wissen würde sie es allerdings nie…

Miyukis Augen fielen zu und binnen Minuten, fand sie in den Schlaf. Schon bald darauf begann sie zu träumen und fand sich selbst inmitten eines schwachen Lichtkegels wieder. Sie blickte an sich herab und bemerkte, dass sie das weiße Top und die graue Trainingshose trug, die sie tatsächlich grade anhatte. Einen Wimpernschlag lang schien sie verblüfft über die Intensität ihres Traumes. Nur selten hatte das Gefühl, von der Detailverliebtheit ihrer Träume so sehr befangen zu sein, dass sie dachte, sie könnten ebenso gut auch real sein.

Neugierig sah sie sich um, versuchte irgendetwas in der Dunkelheit zu erkennen. Doch soweit das Auge reichte, konnte sie dort nichts als Schatten ausmachen. Miyuki beschlich ein unwohles Gefühl und sie beschloss, lieber im Licht zu bleiben. Kaum Sekunden später vernahm sie eine Art Huschen. Als hätte sich irgendetwas oder irgendjemand in dem Schwarz, dass sie umgab, bewegt. Zwar sah sie niemanden, doch sie spürte den kurzen Windhauch aus dem Nichts so deutlich, dass es ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Sie konnte unmöglich allein sein, dessen war sie sich nun sicher und mit einem Mal schien ihr das Licht nicht mehr so sicher. Sie fühlte sich, wie auf einem Präsentierteller, doch sie wagte es nicht, auch nur einen Schritt in die Dunkelheit zu tun.

Gleich darauf wurden deutliche Schritte hinter ihr hörbar. Miyuki verharrte und wagte es nicht, sich umzudrehen. Die Schritte stapften weiterhin unweigerlich auf sie zu und in Miyuki wurden Urinstinkte wachgerüttelt. ‚Lauf!‘, kam es ihr in den Sinn. Doch ihre Beine wollten nicht gehorchen. Ihr ganzer Körper war starr vor Schreck und schien ihrem Kommando nicht mehr zu obliegen. Mit einem Mal verhallten die Laute hinter ihr und Miyuki wagte es kaum, auszuatmen.

Im nächsten Moment begann sich auch das gedämpfte Licht um sie herum, zu verfinstern. Irgendetwas beachtlich Großes schien sich links und rechts von ihr auszuweiten. Diesmal spürte sie den Windstoß, der dabei freigesetzt wurde, ganz deutlich. Ihr tiefschwarzes Haar wirbelte zügellos im Wind umher und ihr Puls begann zu rasen. Ein eisiger Schauer glitt ihr über den Rücken und ließ sich ihre Nackenhärchen aufstellen, als sie durch ihre zerzausten Strähnen spähte und schwarze Schwingen um sich herum ausmachte. Zerschundene Flügel, die sie zu umhüllen schienen und hier und dort ein wenig Licht durchließen. Und wem auch immer sie gehörten, er musste direkt hinter ihr stehen.

Miyukis Herz raste nur noch schneller, als sie sich dessen bewusst wurde. Es beschleunigte sich so stark, dass sie beinahe schon fürchtete, es könnte sich überschlagen. Doch dieser Gedanke wich schnell und wurde durch Panik ersetzt, als sie den Atem des Fremden in ihrem Nacken spürte. Miyuki riss die Augen weit auf, und wenn er jetzt in ihr Gesicht sehen könnte, so würde er ihre Angst darin zweifelsfrei erkennen. Eine Hand umklammerte ungefragt ihre linke Schulter. Der Griff war fest, die Hand stark und groß. Miyuki war sich nun sicher, dass es ein Mann sein musste. Doch was wollte er von ihr und warum packte er sie so grob an? Sie wollte schreien, brachte jedoch keinen einzigen Ton heraus. Und wer sollte sie auch hören, bei ihrem Albtraum? Seine Finger bohrten sich inzwischen wie Krallen in ihre Haut. Er zog sie ein kurzes Stück weit nach unten und kratzte ihren Oberarm entlang. Ein warmes, schmerzendes Pochen machte sich in ihr breit, als sie plötzlich ihren Namen irgendwoher vernahm. Erst war es nur ein Flüstern, dann wurde das Rufen immer lauter. Und schließlich schien alles in sich zusammenzubrechen und sie in vollkommenes Schwarz zu hüllen.

„Miyuki“, hörte sie nun eine ihr bekannte Stimme, als sie erwachte.

Miyuki hob den Kopf und wandte ihren Blick in Richtung Tür. Ihre Augen brauchten einen Augenblick, um umzuschalten und sich an das karge Licht der Schreibtischlampe zu gewöhnen. Dennoch konnte sie Umrisse ausmachen und Sekunden später erkannte sie ihren Onkel im Türrahmen stehen. Wer bitte sollte es auch sonst sein? Immerhin lebten hier nur sie beide.

„Miyuki, du solltest schlafen gehen, es ist schon spät“, sprach er mit sanftmütiger Stimme und besorgtem Gesicht.

Miyuki versuchte sich auf ihn zu konzentrieren, doch ihr Arm brannte, als sei sie mit Feuer in Berührung gekommen. Einen Augenblick lang dachte sie darüber nach, ob es tatsächlich möglich wäre, den Schmerz noch durch den Traum hindurch zu fühlen. Das Rasen ihres Pulses klang nur schmählich ab. Noch immer fühlte sie sich wie unter Strom. Das Unbehagen und die Furcht waren ebenso weiterhin gegenwärtig und Miyuki lenkte sich einen Augenblick lang mit der Frage ab, ob es Adrenalin sein könnte?

Dann blickte sie ihren Onkel an. Er war bei Weitem nicht mehr der Jüngste, schien alt und gebrechlich. Und er hatte wieder diesen Blick drauf. Diese sorgsame Miene, die er immer machte, wenn er so spät abends noch das brennende Licht in ihrem Zimmer bemerkte. Den Ausdruck, bei dem sich seine Stirn in Falten legte und man ihm seine Besorgnis von den Augen ablesen konnte.

„Es ist alles gut, Onkel“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen, rollte den Drehstuhl zurück und stand auf. „Ich werde jetzt schlafen gehen“, versprach sie ihm und rang sich ein Lächeln ab.

Er nickte stumm, wandte sich ab und ging den Flur entlang zu seinem Zimmer.

Ein kurzer Gewissenskonflikt tobte in Miyuki. Sie hasste es, ihn anzulügen. Doch hätte sie ihm von ihrem Traum erzählen sollen? Miyuki war überzeugt davon, dass ihn die Wahrheit nur noch mehr zur Sorge getrieben hätte und sie wollte ihm nicht noch mehr zur Last fallen als ohnehin schon.

Noch immer aufgewühlt betrat sie das Badezimmer. Ihre Arme fühlten sich schwer an und schienen noch leicht gelähmt, da sie mit dem Kopf auf ihnen lag. Das machte das Zähneputzen zum unnötig mühseligen Akt und Miyukis Lider wurden bereits beträchtlich schwer, als sie noch mit der Zahnbürste in ihrem Mund hantierte. Sie zwang sich den Arm zu heben und infolge dessen fielen ihre langen schwarzen Haare über ihren Arm hinweg und gaben ihre linke Schulter frei. Miyuki stoppte abrupt und schien plötzlich hellwach.

Ungläubig trat sie näher an den Spiegel heran und begutachtete die Kratzspuren auf ihrem Oberarm. Sie spülte aus, räumte ihre Zahnbürste weg und rieb sich die Augen. Danach starrte sie erneut auf ihr Spiegelbild. Miyuki schluckte hart und kniff sich selbst. Nein, das war kein Traum! Sie war wach… Sie klammerte sich an den Rand des Waschbeckens fest, versuchte klar zu denken. Miyuki war sich hundertprozentig sicher auf ihren Armen gelegen zu haben und auch so aufgewacht zu sein. Demnach hätte sie sich also schlecht selbst kratzen können. Dennoch waren dort diese Striemen auf ihrem Arm… Miyuki begann unwillkürlich zu zittern, als sie versuchte sich dennoch einzureden, dass sie sich selbst gekratzt hätte, obwohl ihr die Unmöglichkeit dessen vollkommen bewusst war.

Vorsichtig taxierte sie ihre Finger über die Stelle und strich dann zaghaft darüber. Es brannte noch immer höllisch. Könnte es tatsächlich sein, dass dieser Typ aus dem Traum… -Miyuki schüttelte den Gedanken ab. Träume sind nun mal Träume und nicht Realität! Oder könnten sie es etwa doch werden?

Miyuki spülte ihre Wunde behutsam mit klarem Wasser aus und machte sich dann Bett-fertig. Als sie jedoch darin lag, fiel es ihr unermesslich schwer auch nur ein Auge zu schließen. Zwar wusste sie, dass ihr Körper den Schlaf brauchte und zweifellos war sie auch todmüde, nur die Furcht, sich erneut in diesen Traum wieder zu finden, war einfach zu groß. Miyuki lag noch lange wach, fürchtete den Schlaf und grübelte herum, wie das grade erlebte, möglich sein konnte. Sie sah sich einem Problem gegenüber, dass sie nicht in Formeln packen konnte, nicht greifen konnte, nicht erfassen… Etwas, dass sie nicht verstand und ihr Angst machte. Nach einigen Stunden trieb die Müdigkeit sie dennoch in den Schlaf, doch eine zweite Begegnung mit dem mysteriösen Fremden blieb in jener Nacht aus. [...]

 

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