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Kapitel 1: Prolog - Zeitsplitter

 

 

Miyuki, 27. September 2001

 

Wieder lag ich heute stundenlang wach und habe die Decke angestarrt, anstatt zu schlafen. Dabei schossen mir Tausende von Bildern durch den Kopf. Erinnerungen, die ich vergessen wollte. Und doch kehren sie immer wieder. Ich wünschte, ich könnte irgendetwas dagegen tun. Stark sein, diese Dinge aus meinem Hirn verbannen und nicht mehr daran denken. Aber am Ende bin ich dem Strudel hilflos ausgeliefert. Die Erinnerungen kommen mit der Dunkelheit und lauern in den Wänden, überall um mich herum. Sie warten nur darauf, mich heimzusuchen. Vor allem, wenn ich am wenigsten damit rechne oder tatsächlich glaube, es könnte besser werden ...

 

 

Toshiro, 28. September 2001

 

Nie hatte ich etwas um mich haben wollen, dessen Verlust ich nicht verkraften könnte. Doch dann trat Linh in mein Leben und bereicherte es um so viele kostbare Momente. Ich werde nie vergessen, wie sich unsere Blicke trafen und sie mir erstmals ihr bezauberndes Lächeln schenkte.

Heute fürchte ich mich, dass all diese Erinnerungen irgendwann verblassen werden. Dass ich sie bald bloß noch durch den Schleier eines Traums wahrnehmen werde. Und eines Tages ... bleiben bloß noch Bruchstücke dessen erhalten, was einmal mein Leben war.

Ohne sie hätte ich in all dem Stress nie erfahren, was wahre Liebe bedeutet. Verloren hätte ich mich auf Frauen eingelassen, die bloß eines wollten. Doch nun ist sie fort. Für immer. Von einem Augenblick auf den Nächsten. Und ich habe das Gefühl, dass dieser Verlust irgendetwas in mir kaputtgemacht hat, das nicht mehr heilen kann.

 

 

Toshiro, 02. Oktober 2001

 

Meine Kehle fühlt sich oft die ganze Nacht über wie zugeschnürt an. Ich habe das Gefühl kaum atmen zu können geschweige denn sprechen oder gar weinen. Aber erst recht nicht wieder einschlafen. Dabei kreist mir immer nur dieser eine Gedanke durch den Kopf: der Gedanke an Linh und die Zukunft, die wir nun nie haben werden.

Unentwegt kommen mir wieder Dinge in den Sinn, die ich ihr noch sagen wollte. Chancen, die ich vertan habe. Und träume, die ich für uns hegte. Nie kam mir in den Sinn, dass jedes Lächeln, das sie mir schenkte, auch das Letzte sein konnte. Ich war töricht und nun ist ihr Lachen für ewig versiegt.

 

 

Miyuki, 04. Oktober 2001

 

Ich habe heute alle Papiere fertiggemacht und den Rektor meiner Universität informiert, dass ich die nächsten drei Monate pausieren werde. Er war zwar nicht begeistert davon, zeigte aber Verständnis. Dank dem Geld von Kaoru, kann ich mir diese Pause auch leisten, ohne mir noch einen Job suchen zu müssen. Ich bin ihm unheimlich

dankbar. Durch ihn kann ich tun, was im Augenblick für mich am besten ist. Denn ich kann nicht so tun, als wäre alles normal. Das ist es nicht. Nicht für mich. Während alle anderen ihrem Alltag nachgehen und die Sonne in sich aufnehmen, sehe ich überall nur Schatten. In jeder Ecke, an jeder Biegung, lauern sie auf mich und in der

Nacht, hüllen sie mich ein.

Vieles von dem, was ich träume, kann ich nicht einmal zuordnen. Ich bin gefangen in dem Strudel aus Furcht und Wut, der mich erinnern lässt, was ich vergessen will. Dabei ziehen die Gedanken in meinem Kopf endlose Kreise. Es soll aufhören! Ich will sie verbannen! Diese Bilder sollen verschwinden und nie wiederkommen! Verzweifelt

versuche ich die Hände auf meine Augen zulegen. Versuche sie nicht mehr zu sehen. Vergebens.

 

 

Toshiro, 05. Oktober 2001

 

Linh wurde zwar längst beigesetzt, doch ihre Eltern haben die Trauerfeier auf den 21. Oktober verlegen lassen, weil sich die Familie vorher nicht vollständig zusammenfinden kann. Ich habe also noch ein wenig Zeit, bevor ich mich dem endgültigen Abschied stellen muss. Es wird hart werden, ihre Verwandten unter diesen Umständen wiederzusehen. Es ist wirklich bitter, denn eigentlich sollte ein solches Treffen erst im Frühjahr stattfinden. Zu unserer Hochzeit ...

Ich fühle mich oft, als hätte mir jemand das Herz aus der Brust gerissen. Jeder verdammte Tag fühlt sich wie ein, nicht enden wollender, Albtraum an, aus dem es mir unmöglich ist zu erwachen. Völlig gleich, wie sehr ich es mir auch wünsche.

 

 

Toshiro 08. Oktober 2001

 

Gestern war ich im Krankenhaus und habe mit dem Chefarzt darüber gesprochen, was nun mit mir geschehen wird. Er hat mir einen Therapeuten empfohlen und einen längeren Urlaub verordnet, um erstmal alles in Ruhe verarbeiten zu können. Damit wollte er mir wohl sagen, dass er mich erst wieder arbeiten lässt, wenn ein Psychologe grünes Licht gibt. Denn als Arzt lastet eine erdrückend hohe Verantwortung auf mir.

Dieser Zeitpunkt scheint mir jedoch noch unglaublich weit entfernt. So weit, dass ich mir nicht mal sicher bin, ob dieser Schmerz überhaupt jemals wieder erträglich wird oder gar weicht. Denn würde das nicht heißen, dass ich Linh vergessen hätte?

Für Fumiko schien Linhs Tod jedenfalls schon lange her zu sein. Wieder hat sie heute versucht, mich anzugraben. Ohne jegliches Taktgefühl. Fast, als hätte sie geradezu darauf gewartet. Wie kann ein Mensch bloß so kühl sein? Und was erhofft sie sich davon? Dass sie mir mit ihrer plumpen Anmache imponiert? Ganz sicher nicht! Diese Frau ist eine Schlange und eher zerbreche ich, als mich von ihr zu einem Rendezvous überreden zu lassen. Zum Glück sehe ich sie vorerst nicht mehr. Keinen von ihnen ...

 

 

Miyuki, 11. Oktober 2001

 

Tief in mir weiß ich, dass er nun weg ist und mir nichts mehr antun kann. Doch ich habe noch immer Angst vor der Dunkelheit und auch vorm Einschlafen. Die Nächte sind schlimm, die Bilder noch immer da. Ich schlafe schlecht bis gar nicht.

In letzter Zeit bleibe ich immer so lange auf, bis ich müde genug bin, dass ich von ganz allein ins Bett falle und hoffe, ohne Träume einzuschlafen. Denn ich ertrage es nicht, mit meinen Gedanken in der Nacht allein zu sein. In meinem Kopf breitet sich ein Chaos aus, das ich nicht bändigen kann. Ich sehe sie immer wieder vor mir. Stunde um Stunde. All diese schrecklichen Bilder ... -Sie rauben mir den Verstand!

Doch da ist noch Shy. Das kleine graue Kätzchen hat mich bei meiner Aufräumaktion beobachtet und ist mir mauzend um die Beine gelaufen. Ich habe so viel Unwirkliches erlebt, dass mir die bloße Existenz dieses Tieres als rätselhaft erscheint. Wo kam sie so plötzlich her? Vielleicht hatte Kaoru etwas damit zu tun. Kaoru ...

Er will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Was, wenn er mich eher gefunden hätte? Hätte man die Explosion des Gebäudetraktes verhindern können? Was wenn Ayion auch ihn getötet hätte? Hätte ich ihn allein überhaupt stellen können? Und was, wenn ich Kaoru nachgelaufen wäre? Wenn ich ihn gebeten hätte nicht zu gehen? Mich nicht allein zu lassen ... Hätte ich ihn aufhalten können und wäre er dann bei mir geblieben?

 

 

Miyuki, 16. Oktober 2001

 

Als ich das Zimmer meines Onkels durchgelüftet habe, hat Shy im Flur einen Bilderrahmen von der Kommode gerissen und mir einen riesen Schrecken eingejagt. Alles war auf einmal wieder da: Ayion, dieser Kampf ... Die Erinnerungen haben mich auf brutalste Weise eingeholt. Einen Moment lang fürchtete ich sogar, er war wirklich wieder da und konnte mich vor Angst nicht rühren.

Später bin ich mit Shy hinaufgegangen. Rauf, aufs Dach, auf das ich mich schon so oft heimlich hinaufgeschlichen habe. Doch der Anblick des Sonnenuntergangs an diesem milden Herbsttag hatte nichts Aufbauendes. Es wirkte nicht, als küsse die Sonne den Himmel, sondern eher, als würde sie von der Nacht gefressen werden.

Nur ganz kurz gab es dieses Gefühl, das meinen Körper durchströmte. Dann waren sie mit einem Mal wieder da, die Tränen. Ganz ohne Grund. Und manchmal, wenn sie an meinen Wangen hinablaufen, habe ich das Gefühl, das Salz würde meine Haut verätzen. In meinen Albträumen löse ich mich auf und bin einfach nicht mehr da. So wie die Sonne am Firmament.

 

 

Toshiro, 18. Oktober 2001

 

Meine Mutter sagte mir heute, ich solle doch endlich loslassen und Abschied von Linh nehmen. Dass es mich stärker macht ...

Noch immer kann ich ihr das nicht verzeihen. Kann sie denn nicht verstehen, wie es mir geht? Mein Leben wurde von einem Augenblick auf den anderen in einen Scherbenhaufen verwandelt, durch den ich jeden Tag laufen muss. Es ist so unheimlich schwer weiterzumachen. Ich kann es kaum ertragen in einer Welt zu leben, in der sie nicht mehr da ist. Wie soll ich da, nach grade einem Monat, schon wieder glücklich sein können? Und wer sagt, dass ich das überhaupt wieder werden kann? Dass dieser Schmerz in meiner Brust irgendwann aufhören wird, oder dass es noch irgendetwas dort draußen gibt, dass mir ein Lächeln entlockt? Vielleicht sind manche Wunden ja einfach zu tief zum Heilen ...

 

 

Toshiro, 20. Oktober 2001

 

Morgen ist der Tag, vor dem ich mich schon die ganze Zeit über fürchte. Schon bei dem Gedanken daran schnürt sich mir die Kehle zu. Es wird sehr hart werden, ihre Familie wiederzusehen und überhaupt ‚Lebwohl‘ zu sagen. Dieser Abschied ist so ... so verdammt endgültig. Ich weiß nicht, ob ich das durchstehe und wenn das so weitergeht, bekomme ich über Nacht womöglich noch Fieber.

Ich habe mir Miyukis Nummer abgeschrieben, als sie Linh an jenem Tag anrief und ich am Apparat war. Eben habe eine SMS geschickt, dass ich sie morgen vom Bahnhof abhole. Linh hätte das sicher so gewollt. Miyuki ist fremd in Akita und kennt sich nicht aus. Zudem war sie Linhs beste Freundin und hat im Moment bestimmt auch viel durchzustehen ... Immerhin scheint sie nett zu sein. Ich wünschte, die Umstände wären andere, um sie endlich einmal persönlich kennenzulernen.

 

 

Miyuki, 21. Oktober 2001

 

Heute war DER Tag. Ich bin mit dem Zug nach Akita gefahren und habe Shy zuvor noch einen vollen Napf dagelassen. Sie sollte eigentlich ausharren können, bis ich wieder zurück bin. Und mit dem Aufräumen der Trümmer bin ich zumindest so weit gekommen, dass sie sich nirgends mehr wehtun könnte ...

Es war komisch im Zug. Meine Fahrt ging knapp sechs Stunden. Mit einem Auto hätte es etwa acht gedauert. Ich hatte einen Sitzplatz und habe die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut. Immer wieder keimten Erinnerungen an Linh auf. Ich hatte Musik mit. Meinen MP3-Player. Doch ich habe keinen einzigen Song davon abgespielt und bloß aus dem Fenster gesehen. Ich habe die Bäume dabei beobachtet, wie sie zu einem einzigen Grün verschwommen sind ... und habe dabei nur an Linh gedacht. Beinahe hätte ich meinen Ausstieg verpasst.

Als ich ausgestiegen war, kam mir ziemlich hilflos vor. Doch Toshiro ließ nicht lange auf sich warten. Er war genau, wie Linh ihn mir damals beschrieben hatte. Groß und sportlich, mit einem netten Lächeln und kurzen Haaren. Toshiro ist etwas älter als Linh und ich und sieht, wie ich finde, recht erwachsen aus. Er trug eine verdunkelte Sonnenbrille. Doch als er mich begrüßte, nahm er sie ab und darunter waren seine Augen wie meine gerötet. In diesem Augenblick war ich froh zu sehen, dass nicht ich nicht die Einzige sein würde, die schon verheult bei der Beerdigung ankommt. Als ich ihn begrüßte, sagte ich ihm, dass ich froh sei, ihn zu sehen. Er meinte, er habe doch versprochen mich abzuholen, immerhin kenne ich mich hier nicht aus. Dann verlief alles recht schweigsam. Wir waren wohl beide in unseren Gedanken vertieft. Dennoch wirkte er nett und führte mich zum Friedhof.

Ich war zunächst etwas irritiert, da ich Gemurmel von einigen von Linhs Verwandten mitbekam, dass ich doch Nerven hätte, mich hier blicken zu lassen. Vielleicht gaben sie mir die Schuld? Schließlich war sie ja zu mir unterwegs gewesen, als der Unfall passierte, von dem nur ich weiß, dass es keiner war.

Linhs Eltern haben mich jedoch gleich in die Arme geschlossen und ich glaube, ihre Mutter wollte mich gar nicht mehr loslassen. In diesem Augenblick verflogen meine Zweifel, nicht willkommen zu sein, schnell wieder. Denn offensichtlich sahen ihre Eltern das anders. Sie sprachen mir auch Beileid für meinen Onkel aus, den ich letzte Woche im Alleingang bestatten ließ. Er sagte immer, er wolle keine große Sache daraus machen. Also kam ich seinem Wunsch nach und verbrachte diese Stunden allein an seiner Seite. Erzählen konnte ich nicht viel. Doch ich brachte ihm Blumen und habe ein Räucherstäbchen angezündet. Auch Jians Familiengrab habe ich besucht. Es war schwer dorthin zu gehen, aber es hatte sich richtig angefühlt.

Die Zeremonie dauerte den ganzen Nachmittag lang an. All die Blumen, die sie bekam, waren zu wunderschönen Sträußen gebunden. Hätte Linh sie nur sehen können, sie hätte sich sicher gefreut. Denn Blumen hatte sie geliebt ... Vor allem Tigersterne*. Toshiro hat mir angeboten Kontakt zu halten und ich habe zugestimmt. Ich bin mir sicher, er braucht grade genauso viel Halt wie ich.

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*Tigersterne = Werden auch als Krötenlilien bezeichnet und haben eine auffällige fleckige Färbung.

 

 

Toshiro, 23. Oktober 2001

 

Miyuki scheint nett zu sein. Zumindest machte sie den Eindruck, als sei die Linh eine aufrichtige Freundin gewesen. Schade, dass ich sie erst durch diese abscheulichen Umstände kennengelernt habe.

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