Tag 1

 

 

„Es ist besser so, vertrau mir.“ So waren die Worte meines Stiefvaters an meine Mutter, während ich abgeholt wurde. Wieder hatte er diesen selbstgefälligen Ausdruck im Gesicht. Er konnte es wohl kaum erwarten, mich loszuwerden. Mutter aber weinte. Wie auch meine kleine Schwester, die sich an deren Bein drückte und mir bangend nachsah. Die beiden Männer in den dunkelgrauen Anzügen hatten mir eine Zwangsjacke angelegt, in der ich mich nicht rühren konnte. Ein Gefängnis für Arme und Seele. Dann schoben sie mich ruppig durch die Eingangstür nach draußen.

Mit aller Kraft ließ ich mich zurückfallen und wandte mich umher. Noch einmal wollte ich ihr Gesicht sehen, um Mut zu fassen. Ich rief nach meiner Mutter so laut ich konnte, doch sie schluchzte nur. Meine Schwester rief verängstigt meinen Namen, dann riss sie aus. Aber mein Stiefvater packte Fenja am Arm und zerrte sie zurück, ehe sie mich erreichen konnte. Nein! Das durfte nicht sein! Ich wollte nicht in diesen verdammten weißen Lada steigen, der mich nach Reutow bringen würde.

Fenja rief erneut nach mir und ich versuchte mich zu ihr umzudrehen, aber ein weiterer Stoß in den Rücken trieb mich vorwärts. Was wollte ich ihr sagen? Dass alles wieder gut werden würde? Etwas, woran ich selbst nicht glaubte?

Sie schoben mich weiter in Richtung des Fahrzeuges. Mit aller Kraft stemmte ich meine Füße in den feuchten Boden. Die freigeschabte Kuhle war meine Chance! Doch vergebens. „Stell dich nicht so an, du Göre!“, keifte der Mann hinter mir, gerade so laut, dass nur ich es hören konnte. Immerhin wollte er vor meiner Familie ja den freundlichen Helfer geben. Dann stieß er mich erneut voran und verfestigte seinen Griff schmerzhaft um meine Arme.


Mir stiegen Tränen in die Augen, verschleierten die letzten Schritte und legten sich als salziger Film über meine Lippen. Ich hörte, wie die Wagentür geöffnet wurde. Danach ging alles ganz schnell. Einer der Männer drückte meinen Kopf nach unten, damit ich ihn nicht am Wagen stieß und schubste mich auf die Rückbank. Dann beugte er sich über mich und schnallte mich fest. Im nächsten Moment startete der andere Anzugträger auch schon den Motor. Der Kofferraum klappte kurz auf und gleich darauf hörte ich das Geräusch der Türverriegelung. Nun war ich eingesperrt und es gab kein Entkommen mehr. Unser Haus wurde im klobigen Seitenspiegel auf der rechten Seite des Wagens immer kleiner. Ich wollte mich herumdrehen, um einen letzten Blick auf mein Zuhause zu werfen, doch der Fahrer bog so scharf in die Seitenstraße ein, dass ich in die Kurve geworfen wurde und zur Seite kippte.
„Lasst mich hier raus, ihr Monster!“, schrie ich.
„Halt die Klappe!“, erhielt ich als Antwort zurück.
Es dauerte einen Moment, ehe ich mich überwinden konnte den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken und einen zweiten Versuch wagte. „Nicht dorthin, bitte!“, verlangte ich erneut, während ich mich mühsam wieder in eine aufrechte Sitzposition hochrappelte. Doch statt einer Antwort vernahm ich nur den neusten Popsong, der nun aus dem extra laut gestellten Radio dröhnte.

Als ich begriff, dass es keinen Zweck hatte, weiter zu bitten und zu brüllen, resignierte ich und blieb still. Ich blickte aus dem Fenstern und vor meinen Augen taten sich schier endlose Getreidefelder auf, die bis zum Horizont reichten. Wir waren bereits fernab der Zivilisation und fuhren zu einer Einöde, die ich so schnell nicht mehr verlassen sollte. Dabei hatte ich lediglich einer Freundin von meinen beängstigenden Träumen erzählt. Konnte ich denn ahnen, dass besagte Freundin sich in ihrer Sorge an eine Lehrerin gewandt hatte? Und das, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen? Natürlich rief diese bei meinen Eltern an und wie das Schicksal es so wollte, erwischte sie zu meinem Leidwesen auch noch meinen Stiefvater. „Das ist nur zu deinem Besten“, hatte er gesagt. Und wie nett von ihm, dass er mir auch gleich noch eine Reisetasche mit Klamotten und persönlichen Dingen zusammengestellt hatte. Dinge, die ich mir nicht einmal selbst aussuchen durfte! Woher wollte er denn wissen, was mir wichtig war?

Mein Kopf glühte und wummerte. Ich lehnte ihn gegen die kalte Seitenscheibe um meine Stirn zu kühlen und blickte hinaus zu den Feldern. Sie verschwammen aufgrund unserer Geschwindigkeit zu einer einzigen goldenen Wiese, über der graue Wolkentürme emporragten und vom nahenden Unwetter erzählten. Ein Mäusebussard tauchte über dem Getreidefeld auf und flog eine Weile neben dem Auto her. Neidvoll beobachtete ich, wie er mit seinen ausgebreiteten Flügeln elegant auf den seichten Böen des Windes entlangsegelte. Ich hingegen saß hier drinnen fest und konnte meine Arme nicht rühren. In diesem Augenblick hätte ich alles dafür gegeben, auch nur annährend so frei zu sein, wie dieser Vogel. Doch ich war gefangen.

„Gefangen“, kreiste es etliche Male durch meinen Kopf. Ich bezweifelte, dass mir in Reutow geholfen werden konnte. Diese Träume, von denen ich heimgesucht wurde, waren nichts, gegen das es Therapien oder Tabletten gab. Was sollte ein Sanatorium da also bringen?

Der Bussard drehte schließlich ab. Wie meine Hoffnung verschwand er von den Gold schimmernden Feldern. Ich spürte ein wenig Wehmut, denn er hatte mich beruhigt und nun war er fort. Kurz nach ihm wich auch die Schlechtwetterfront. Doch die Sonnenstrahlen, die so spitzbübisch zu mir hinablächelten, konnten mich nicht aufmuntern.

Der Wagen bog ab und wir durchfuhren eine lange Allee, die an ein großes eisernes Tor mit grauen geschwungen Stäben mündete. Als wir uns diesem nährten, öffnete es sich wie von Geisterhand. Vermutlich waren auch hier in den Bäumen versteckte Kameras um unsere Sicherheit besorgt und erspähten uns bereits. Ohne je müde zu werden, fällten sie Urteile und gewährten uns Einlass. Ohne Richter ohne Jury, ohne mich anzuhören... Der Kiesweg knirschte unter den Reifen und endete unweit vom Gebäudeeingang. Aus dem Fenster sah ich hohe Hecken, hinter denen sich einige Bäume auftaten. Auf der anderen Seite konnte ich eine Parkbank und vereinzelte Blumenbeete ausmachen. Ich hätte mich gern noch ein wenig mehr umgeschaut, doch stoppte das Fahrzeug abrupt.

Gleich darauf wurden die Türen aufgerissen und gaben dem Beifahrer dialles dafür gegeben, auch nur annährend so frei zu sein, wie dieser Vogel. Doch ich war gefangen.

„Gefangen“, kreiste es etliche Male durch meinen Kopf. Ich bezweifelte, dass mir in Reutow geholfen werden konnte. Diese Träume, von denen ich heimgesucht wurde, waren nichts, gegen das es Therapien oder Tabletten gab. Was sollte ein Sanatorium da also bringen?

Der Bussard drehte schließlich ab. Wie meine Hoffnung verschwand er von den Gold schimmernden Feldern. Ich spürte ein wenig Wehmut, denn er hatte mich beruhigt und nun war er fort. Kurz nach ihm wich auch die Schlechtwetterfront. Doch die Sonnenstrahlen, die so spitzbübisch zu mir hinablächelten, konnten mich nicht aufmuntern.

Der Wagen bog ab und wir durchfuhren eine lange Allee, die an ein großes eisernes Tor mit grauen geschwungen Stäben mündete. Als wir uns diesem nährten, öffnete es sich wie von Geisterhand. Vermutlich waren auch hier in den Bäumen versteckte Kameras um unsere Sicherheit besorgt und erspähten uns bereits. Ohne je müde zu werden, fällten sie Urteile und gewährten uns Einlass. Ohne Richter ohne Jury, ohne mich anzuhören... Der Kiesweg knirschte unter den Reifen und endete unweit vom Gebäudeeingang. Aus dem Fenster sah ich hohe Hecken, hinter denen sich einige Bäume auftaten. Auf der anderen Seite konnte ich eine Parkbank und vereinzelte Blumenbeete ausmachen. Ich hätte mich gern noch ein wenig mehr umgeschaut, doch stoppte das Fahrzeug abrupt.

Gleich darauf wurden die Türen aufgerissen und gaben dem Beifahrer die Möglichkeit mich zwar sorgsam abzuschnallen, aber sogleich unsanft aus dem Auto zu zerren. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Andere währenddessen an den Kofferraum ging und mein Gepäckstück holte.

Einige Haarsträhnen klebten mir schon die halbe Fahrt über im Gesicht, doch ich hatte keine Möglichkeit sie fortzustreichen. Also lugte ich durch sie hindurch und nahm alles nur mit eingeschränkter Sicht wahr. Wir gingen auf ein Herrenhaus aus rotem Backstein zu. Schon die Eingangstür des Gebäudes wirkte ziemlich imposant und zugleich einschüchternd. Ich fragte mich, wie alt dieses Holz wohl war und welche Geschichten es zu erzählen hatte. Nur zu gern wäre ich mit meinen Fingern die Rillen abgefahren oder hätte den Ring des altmodischen Türklopfers berührt, der einem Löwenkopf aus dem Maul ragte. Die grobe Hand, die an mir vorbeisteuerte, riss mich aus den Gedanken. Doch noch ehe der Mann neben mir anklopfen konnte, öffnete sich die Tür und eine ältere Frau trat hervor. Ihr weißes Haar war zu einem strengen Zopf zurückgebunden und schimmerte leicht im Sonnenlicht. Die Fältchen in ihrem Gesicht formten autoritäre Züge und ihre schmalen Lippen waren zu einer Linie der Gleichgültigkeit verschmolzen.

 

 

- Ende der Leseprobe -